Rentenversicherung vs. ETF

Warum "Sicherheit" oft teuer erkauft ist (und wann sie trotzdem Sinn macht)

Rentenversicherungen sind in Deutschland immer noch das "Go-To" für die Altersvorsorge. Der freundliche Berater suggeriert Sicherheit, Steuervorteile und eine lebenslange Rente. Aber macht der Abschluss einer solchen Police wirklich immer Sinn?

Ich sage: Nein! In sehr vielen Fällen fahren Anleger mit einer eigenverantwortlichen Lösung besser. Es gibt allerdings ein großes "Aber", das nichts mit der Rendite zu tun hat. Schauen wir uns die Vor- und Nachteile mal genauer an.

Der Kostenvergleich

Der Hauptgrund, warum ich private Rentenversicherungen kritisch sehe, ist recht einfach: Sie sind teuer.

Eine Investition via "Versicherungsvehikel" ist fast immer teurer als die direkte Investition in einen breit gestreuten ETF. Warum?

  • Abschlusskosten: Die Provision für den Vermittler ist gesetzlich auf 2,5% der (gesamten!) Einzahlungen begrenzt und wird meist über die ersten 5 Jahre von deinen Beiträgen abgezogen. In dieser Zeit baut sich kaum Vermögen auf. In einem selbstverwalteten ETF legst du in dieser Zeit schon die Grundlage für den späteren Zinseszinseffekt, der gerade für die Anlage in den ersten Jahren immens sein kann.

  • Hohe laufende Gebühren: Verwaltungskosten des Versicherers und höhere Gebühren für aktive Fonds im Mantel der Versicherung kosten deutlich mehr als ein ETF und fressen ebenfalls einen Teil der Rendite und somit des Zinseszinseffekts auf.

  • Der "Treuhänder"-Effekt: Viele Versicherer schichten in Krisenzeiten (wenn die Börse fällt) automatisch in sichere Anlagen um, um Garantien gewährleisten zu können. Das passiert oft zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt, wenn die Kurse schon deutlich gefallen sind. Wenn die Kurse wieder steigen, ist man nicht voll investiert und verliert auf diesem Weg nicht unerheblich Rendite.

Bei einem ETF hast du ebenfalls jährliche Kosten, die du pro ETF als "TER" (Total Expense Ratio) findest. Diese Kosten werden direkt von der Performance deiner ETF Anteile abgezogen und reduzieren damit ebenfalls die Rendite. Mit durchschnittlichen Kosten zwischen 0,1% und 0,5% sind diese aber deutlich niedriger als in den meisten Rentenversicherungen.

Verkaufsargument Steuersparmodell

"Aber mit einer Versicherung spart man doch Steuern!". Das ist das Totschlagargument vieler Verkäufer.

Für Rürup-Renten (Basisrenten) lasse ich das Argument gelten: Hier zahlst du aus dem Brutto ein, senkst deine Steuerlast heute und versteuerst den kompletten Betrag von Einzahlungen und Gewinnen erst später. Dein Steuersatz ist durch geringere Einnahmen dann wahrscheinlich niedriger als heute. Der Vorteil entsteht also durch die Differenz zwischen hohem Steuersatz heute und geringerem Steuersatz später. Das kann sich für Gutverdiener und Selbstständige lohnen. Kleines "Aber": Niemand weiß, wie sich die Steuersätze in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden…

Bei der privaten Rentenversicherung, die du aus dem Netto bezahlst, wird oft mit dem Halbeinkünfteverfahren geworben. Voraussetzungen dafür sind eine Auszahlung frühestens ab 62 Jahren und eine Vertragslaufzeit von mindestens 12 Jahren.

Das Versprechen: Du musst nur die Hälfte der Gewinne mit deinem persönlichen Steuersatz versteuern, wenn du dir das Kapital auf einen Schlag auszahlen lässt. Da lohnt sich aber ein zweiter Blick: In den Beispielrechnungen wird oft suggeriert, dass dies ein riesiger Vorteil gegenüber der Abgeltungsteuer (25 % + Soli) im ETF-Depot ist.

Was aber oft verschwiegen wird:

  1. Teilfreistellung: Im Depot sind bei Aktienfonds (und damit auch bei ETFs) 30 % der Gewinne komplett steuerfrei. Im Versicherungsmantel sind es oft nur 15 %. Da hast du also einen steuerlichen Nachteil.

  2. Die Wette auf den Steuersatz: Zwar ist der persönliche Steuersatz auf die Hälfte des Gewinns oft rechnerisch etwas niedriger als die pauschale Abgeltungsteuer auf alle Gewinne (abzgl. Teilfreistellung), aber dieser Vorteil wird durch die hohen Produktkosten der Versicherung oft komplett aufgefressen.

Wenn du dich dafür entscheidest, deine Rentenversicherung lieber als monatliche Rente auszahlen zu lassen, kommt der Rentenfaktor ins Spiel. Dieser Wert gibt an, wie viel monatliche Rente du für je 10.000 Euro angespartes Kapital erhältst. Ein Beispiel: Bei einem Rentenfaktor von 25 würdest du für 100.000 Euro Kapital 250 Euro monatliche Rente bekommen. Hier geht man eine Wette auf die eigene Langlebigkeit ein: Man muss in diesem Entnahme-Modell schon relativ alt werden, damit sich die Rentenversicherung im Vergleich zum eigenen ETF Depot lohnt.

In der Realität gewinnt also meist das einfache ETF-Depot – und das trotz einiger Nachteile in der Besteuerung, einfach weil die Kostenbasis so viel niedriger ist.

 

Auch ein Thema: Die Vererbbarkeit

Was passiert eigentlich mit meinem angesparten Geld, wenn ich früh sterbe?

Im ETF-Depot gehört das Vermögen zu 100 % dir. Wenn du stirbst, wird alles an deine Hinterbliebenen vererbt. Punkt.

In der Rentenversicherung lauern allerdings ein paar Fallstricke. Wenn im Vertrag für den Todesfall des Versicherten nichts vereinbart ist, fällt das angesparte Kapital normalerweise der Versichertengemeinschaft zu und die Erben gehen leer aus. Man kann allerdings Vereinbarungen treffen, damit das Kapital im Todesfall nicht verloren geht. Hierfür kann explizit eine bezugsberechtigte Person festgelegt werden, andernfalls fällt das Kapital in das Erbe des Verstorbenen.

  • Vor Rentenbeginn: Für diesen Fall kann z.B. eine Klausel zur Beitragsrückgewähr oder die Rückzahlung des Vertragsguthabens vereinbart werden. Beim Tod des Versicherungsnehmers werden dann die bisher eingezahlten Prämien inklusive erzielter Überschüsse ausgezahlt.

  • Nach Rentenbeginn: Für den Tod nach Rentenbeginn kann eine Rentengarantiezeit (z.B. die garantierte Zahlung der vereinbarten Rente über 10 Jahre) oder eine Kapitalrückgewähr vereinbart werden.

  • Außerdem ist es möglich, im Vertrag eine Hinterbliebenenrente zu vereinbaren. Diese ist im Normalfall unabhängig davon, ob der Versicherungsnehmer vor oder nach Rentenbeginn stirbt, und läuft bis zu Tod der begünstigten Person.

Diese Vereinbarungen sind zusätzliche, optionale Vertragsbausteine, die die Versicherungen natürlich nicht kostenlos anbieten und dich häufig zusätzliche Rendite kosten.

Das ETF-Depot hat auch hier die Nase vorn und bietet gleichzeitig Sicherheit und Flexibilität für deine Erben, ganz ohne Zusatzkosten.

Warum die Versicherung trotzdem in dein Portfolio gehören kann

Nach all der Kritik: Sollte man Rentenversicherungen komplett verteufeln? Jein.

Versicherungen haben einen massiven psychologischen Vorteil: Man kann nicht so einfach einen Teil der Versicherung verkaufen, weil man ein neues Auto kaufen möchte oder eine neue Küche braucht. Eine Kündigung ist meist mit hohen Kosten verbunden, und das überlegt man sich zweimal.

Diese Inflexibilität ist ein Feature, kein Bug! Sie zwingt zum Sparen über einen langen Zeitraum und lässt wenig Möglichkeiten, früher an das Geld zu kommen.

Wer rein auf ETFs setzt, braucht eine eiserne Disziplin. Wenn die Kurse um 40 % einbrechen, fällt es vielen schwer, nicht panisch zu verkaufen. Eine Versicherung läuft einfach durch und sichert das Kapital für später.

 

Fazit: Der Mix macht es

Ich würde eine Rentenversicherung nie als alleinigen Baustein für die Altersvorsorge empfehlen. Sie hinkt einer disziplinierten(!) ETF-Anlage einfach zu weit hinterher – wegen höherer Kosten, niedrigerer Steuervorteile als oft versprochen und nicht zuletzt auch einer meist schlechteren Vererbbarkeit.

Also lieber komplett auf das eigene Depot setzen? Wer sich selbst kennt und weiß, dass das Geld auf dem Depot vielleicht doch mal für den Urlaub geplündert oder der Sparplan leichtfertig für zusätzlichen Konsum ausgesetzt wird, für den ist eine Rentenversicherung eine sehr sinnvolle Ergänzung.

Sie zwingt zum Sparen und sichert im Falle einer monatlichen Rentenzahlung auch das Langlebigkeits-Risiko ab – also das Risiko, dass du 100 Jahre alt wirst und dein ETF-Depot schon mit 90 leer ist.

Mein Tipp: Nutze ETFs für den Löwenanteil deines Vermögensaufbaus bei voller Flexibilität. Nutze Versicherungen eher gezielt, um eine Basis für deine Altersvorsorge aufzubauen, die später einen minimalen Lebensstandard absichert. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte unbedingt auf sogenannte Nettopolicen (Honorartarife) setzen, da diese ohne Abschlussprovisionen auskommen und dadurch deutlich kostengünstiger sind.

 

Disclaimer

Ich selbst bespare aktuell keine private Rentenversicherung. Ich habe 17 Jahre lang Rentenpunkte gesammelt und in die Betriebsrente eingezahlt, was mir persönlich als "sicherer" Baustein für die Rente ausreicht. Wie sicher die gesetzliche Rente tatsächlich ist, ist ein Thema für einen eigenen Beitrag...

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Bildung sowie der Unterhaltung. Sie stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar und können ein individuelles Beratungsgespräch durch qualifizierte Personen (z. B. Finanzberater, Steuerberater) nicht ersetzen.

Die hier dargestellten Meinungen und Einschätzungen basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Recherche zum Zeitpunkt der Erstellung. Trotz sorgfältiger Prüfung übernehme ich keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Angaben, insbesondere nicht für steuerliche Regelungen, die sich ändern können. Investitionen an den Kapitalmärkten sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Jede Anlageentscheidung triffst du eigenverantwortlich.

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Schluss mit Geld verbrennen